Fotogramm
Zu den Schattenbildern des Kölner Malers R.J.Kirsch

„Ich beabsichtigte, auf einem Blatt Papier eine ausreichende Menge Silbernitrat zu verteilen und das Papier dann in den Sonnenschein zu legen, nachdem ich einen Gegenstand davor platziert hatte, der einen gut definierten Schatten wirft. Das Licht, das auf dem restlichen Papier wirkte, würde es natürlich schwärzen, während die Teile im Schatten ihre Weiße behalten würden. So erwartete ich, dass eine Art Bild oder Abbildung produziert werden würde, das dem Objekt, von dem es herrührte, bis zu einem bestimmten Grad ähneln würde“
Some Account of the Art of Photogenic Drawing, William Henry FoxTalbot 1839



In einem ca. 30 qm großen abgedunkelten Raum hängt in der Mitte eine Objekt, das von drei auf einem Sockel ruhenden Taschenlampen bestrahlt, einen wandfüllenden Schatten wirft. Dieses Schattenbild besteht aus vielen farbigen Segmenten, die korrespondierend zu der sanften Drehung des Objektes ständig ineinanderfließen.

Rolf Kirsch ist Maler und der eigenen Aussage nach den Ideen des Fluxus verpflichtet. Infolgedessen galt sein Interesse von jeher Ausflügen über den Horizont der reinen Malerei hinaus. Nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit der sich rapide entwickelnden elektronischen Bildverarbeitung führte zu einer ganzen Reihe von Arbeiten, die das Verhältnis von traditionellen und neuen Bildmedien untersuchen. "Der Maler im Dunkeln" hieß dann auch der Titel einer Reihe von Ausstellungen, in denen der Maler und Konzept-Künstler seine künstlerische Auseinandersetzung der letzten Jahre präsentierte. Die Dunkelheit, die in diesem Titel angesprochen wird, beschreibt auch die allgemeinen Arbeitsumstände für den Maler, der immer mehr befürchten muss, das sein Handwerk infolge der Dominanz elektronischer, digitaler Bildverarbeitung obsolet erscheint. Dass dieser Titel dann nicht nur metaphorisch, sondern auch konkret zu verstehen ist, zeigt Kirsch aktuell in seiner Installation "Nachtschatten".

Alle technischen Bilder sind Schattenbilder
Vor diesem Hintergrund entwickelt Kirsch seine Auseinandersetzung mit Schattenprojektionen. Prinzipiell folgt er hierbei der Tradition des Fotogramms, einer Arbeitsweise, die bereits seit den 1920er Jahren durch Künstler wir Christian Schad, Laszlo Moholy-Nagy oder Man Ray begründet wurde. In Anlehnung an den berühmten "Licht-Raum-Modulator" des Bauhauskünstlers Moholy-Nagy inszeniert Kirsch seine Fotogramme dabei aus einem filmischen Verständis. So unterliegen seine Projektionen einer ständigen Veränderung aufgrund der kontinuierlichen Bewegung der beschattenden Objekte. Diese liegen dabei nicht flach auf einem Fotopapier, sondern "schweben" im Raum. Die Arbeitsweise ist ebenso simpel wie verblüffend: Die vor der Projektionsfläche positionierten Objekte werden von punktförmigen Lichtquellen in den drei Grundfarben angestrahlt. Die gleichzeitig daraus resultierenden Schattenbilder überlagern und mischen sich. Licht, Halbschatten und Kernschatten ergeben ein farbiges Bild. Minimale Luftbewegungen, ausgelöst durch vorbeiwandelndes Publikum, versetzen das an einem Faden hängende Objekt in ständige Rotation und erzeugen somit einen permanenten "Film".
Parallel dazu präsentiert Kirsch Fotogramme seiner Schattenbilder als Edition, gibt ihnen materiale Präsenz und macht so den Umgang mit Licht zu einem tatsächlich malerischen Akt.

Broschüre R.J.KIRSCH | NACHTSCHATTEN, 16 Seiten, 2018, 30 x30 cm, exp.edition@netcologne.de